Erfahrungsbericht Familie Ritter

Angela's Geschichte

Angela wurde als sogenannte Mangel­ge­burt - untergewichtig und zu klein - am 17. September 1993 termingerecht ge­bo­ren. Nach und nach fanden die Ärzte bei Angela verschiedene anatomische Mängel, die uns zu Beginn unseres Eltern­seins schon ziemlich aus der Bahn warfen. Ein Genetiker gab all diesen Mängeln den Namen eines für ihn bekannten Syndroms. Damals sprach allerdings noch niemand davon, dass unser Kind gehörlos war. Wir waren dafür familiär auch in keiner Weise vorbelastet. Der Genetiker empfahl uns, Angela einem Hörtest zu unterziehen, da bei ihrem Syndrom hin und wieder leicht­gradige, einseitige Hör­be­hinde­run­gen auftreten.
Das Ergeb­nis des Tests war niederschmetternd. Angela hörte absolut nichts. Sie gehörte noch nicht einmal zur grossen Gruppe derer, die über ein geringes Restgehör verfügten. Nein, sie zählte nach all den vorangegangenen Dingen nochmals zu den Aus­nah­men.

Wir dachten, das schlimmste aller Schick­sale hätte uns ereilt. Ständig fragten wir uns, warum ausgerechnet wir so ein Kind verdient und was wir wohl in unserem Leben falsch gemacht hätten, um mit so einer traurigen Wahrheit konfrontiert werden zu müssen.
Schon bald war uns aber klar, dass es keineswegs ein so schlimmes Schicksal war. Da war unser gesamtes Umfeld - Familie, Freunde, Bekannte - das grosse Anteil­nah­me zeigte, sei es aus wahrem Mit­ge­fühl oder aus Neugier. Wir spürten eine nie geahnte Solidarität in der Familie. Wir durften einer äusserst einfühlsamen, gerad­linigen und tatkräftigen Therapeutin be­gegnen.

Nicht zu vergessen ist die Tech­nik, die es unserem Kind ermöglichte, leistungsfähige Hörgeräte zu tragen. Mit den Hörgeräten zeigte Angela leider nie eine verbindliche Reaktion. So war es dann wie­derum die Technik, die es erlaubte, unser Kind mit drei Jahren mit einem Cochlea-Implantat zu versorgen. Wir durf­ten und dürfen aber auch die Erfahrung machen, dass unser Kind viele ganz be­son­dere Seiten hat. Viele Empfin­dungen wie zum Beispiel ihre Beo­bach­tungs­gabe, die Wahrnehmung von Stim­mun­gen ande­rer, ihre Art, Liebe und Ver­trauen zu zeigen, aber auch eine unglaubliche Ar­beits­disziplin und Aus­dauer scheinen bei Angela sehr ausgeprägt zu sein.
Ist nicht gerade die bewusste Wahr­neh­mung unserer Umwelt eine wundervolle Eigenschaft, die uns Hören­den schon früh verloren geht, weil wir viel zu sehr auditiv beeinflusst werden?

All die Anstrengungen, Angela pflichtbewusst und angemessen zu fördern, bekommen wir um ein Vielfaches von ihr zurück, in erster Linie dank Angelas Cha­rakter. Wir werden auch immer wieder in unserer "Arbeit" bestätigt durch die Zuversicht, die stets bei jemandem vorherrscht. Sei es nun beim einen Ehe­partner, im verwandtschaftlichen Um­feld, bei den Therapeuten oder bei einer bekannten Familie mit einem hörbehinderten Kind - es fand sich bisher immer jemand, der unsere immer wiederkehrenden Zweifel zu mildern vermochte. Oh ja, Angela's Entwicklung gab und gibt uns immer wieder Anlass zu Zweifeln.

Dies alles mag nun etwas euphorisch klingen. Grundsätzlich sind wir ganz nor­ma­le Eltern, die bis zu Angelas Geburt noch nie direkt mit Behinderungen konfrontiert worden sind. Auch wir haben Höhen und Tiefen, die zu bewältigen sind.
Nachdem wir von der Gehörlosigkeit unserer Tochter erfuhren, durchliefen wir Zeiten der Trauer, des Hasses, der Verz­weiflung, der Hoffnung. Vieles schien uns unsere letzten Kräfte zu rauben. Lange Zeit konnten wir die Hörbehin­de­rung un­serer Tochter nicht voll akzeptieren. Wir glaubten, nichts ändern zu können.


Viele Dinge, die das Leben noch für uns bereithält, werden uns immer wieder in dieses Gefühlschaos stürzen und uns vorübergehend glauben lassen, nichts ändern zu können. Vielleicht ist es dabei hilfreich, eine andere Optik zu wählen. Betrachten wir einen so schweren Schick­­­­s­alsschlag, wie jenen, ein behindertes Kind zu bekommen, für einmal folgendermassen: Vielleicht wurden ja genau wir ausgewählt, ein behindertes Kind zu bekommen. Ist es nicht denkbar, dass nur wir ausgewählten Eltern in der Lage sind, dieses Kind grosszuziehen? Haben wir nicht schon oft nach dem Sinn unseres Lebens gesucht? Wenn wir zulassen zu glauben, dass wir ein behindertes Kind haben dürfen, werden wir die Möglichkeit bekommen, vieles zu lernen über unsere Kinder, über Hörbehinderungen, aber auch über uns selbst, über unsere Überzeugungen und unsere Grenzen.

Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringen wird, doch sind wir heute schon stolz darauf, Angelas Eltern zu sein - ge­nau­so stolz wie darauf, die Eltern von Livia, unserer hörenden Tochter, Angelas kleineren Schwester, zu sein. Wir lieben unsere Mädels und sind stolz auf die Ent­wicklung unserer Kinder und auf unsere Familie. Wir sind auch stolz und glücklich, schon so vieles gemeinsam bewältigt zu haben.
Auf unserem Weg begleitet uns stets folgende Weisheit - frei nach einem fern­östlichen Philosophen:
"Gott gebe mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die zu ändern sind, die Gelassen­heit, die Dinge hinzunehmen, die nicht zu ändern sind und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden".

Vielleicht war es unsere anfängliche Un­fähig­keit, Angelas Behinderung zu akzeptieren, die uns schon sehr früh zu der Über­zeugung brachte, alles, aber auch wirklich alles zu unternehmen, um unserer Tochter ein Leben in unserer, der hö­renden Welt zu ermöglichen. Wir waren von Anfang an fest entschlossen, dass der Weg der Integration, also die Einglie­de­rung in "unsere" hörende Gesellschaft, das einzig Richtige für Angela sei. Vielleicht war es aber auch unser eben erwähntes Lebensmotto, das uns immer wieder die Energie gab, den unbequemen Weg zu wählen.
Als Angela mit knapp drei Jahren eine ganz "normale" Spielgruppe mit lauter hörenden Kindern besuchen durfte, sprachen wir alle von einem Versuch. Und ehrlich gesagt, glaubten wir nicht wirklich an ein Gelingen - zu unüberwindlich schien uns die Barriere der nicht funktionierenden Kommunikation. Der Erfolg war überwältigend: Weder Angela noch die anderen Kinder oder die Spiel­grup­pen­leiterin hatten ernsthafte Probleme, sich mit Angela zu verständigen. Dank An­gela's guter Beobachtungsgabe und ihrer spontan erlernten Fähigkeit, von den Lip­pen zu lesen, fand sie sich in dieser neuen Situation sehr schnell zu Recht. Und das Wichtigste: Sie war glücklich, so viele neue Gesichter und Charaktere kennen zu lernen. Ihr Cochlea-Implantat bekam sie genau zu dieser Zeit. Die Erfolge damit waren rasant und unübersehbar. Dieses kleine Menschlein freute sich zusehends über die neuen Eindrücke des Hörens und versuchte prompt, dies in Sprache umzusetzen.

Zwei Jahre später durfte Angela in den Regelkindergarten übertreten. Dies war einerseits den erfreulichen Erfahrungen in der Spielgruppe, andererseits aber auch der äusserst offenen Einstellung der zuständigen Schulbehörde und der Kin­dergärtnerin zu verdanken. Wir sprachen wiederum von einem Versuch, weil wir alle ja nicht wussten, ob sich Angela in dieser bereits schon etwas anspruchsvolleren hörenden Welt wohl fühlen und sich entsprechend entwickeln würde. Seit ihrer Geburt hatte unsere Tochter schon nunmehr fünf Operationen hinter sich. Wir befürchteten, dass sie dadurch in ihrer Entwicklung hinter Gleichaltrigen zurückbleiben würde. Diese Befürchtung erwies sich aber als unbegründet. Die Entwicklungsstadien von Kindern in diesem Alter sind so individuell, dass Angela da keine Besonderheit darstellte.

Dank einem äusserst professionellen und kooperativen Verhalten der Kinder­gärt­ne­rin, aber auch durch die tatkräftige Vor- und Nachbearbeitung des Kindergarten­stof­fes mit der Mutter und der Thera­peu­tin ist Angela auch dieser Schritt erfolgreich geglückt. Dies alles wäre bestimmt nicht so gut gelungen, hätte Angela nicht diesen unverwüstlichen, immer optimistischen und vor Freude strahlenden Cha­rak­ter.


Nach zwei Jahren Kindergarten, dies ist in unserem Kanton üblich, konnte sie dank stetiger Verbesserung ihrer Sprach- und Verständnisqualität in die 1. Regel-Ein­führung­sklasse eintreten. Ganz tief in uns drin kam auch dann noch ab und zu der Gedanke auf, es handle sich um einen "Versuch". Allerdings zweifelte mittlerweile niemand mehr daran, dass Angela auch diesen Schritt erfolgreich - wenn auch mit erhöhter Anstrengung und der entsprechenden Unterstützung - meis­tern würde. In der Einführungsklasse wird die 1. Klasse in zwei Jahren absolviert. Dies schien uns optimal, um Angela noch etwas Zeit zur weiteren Verbes­se­rung der Sprachkompetenz zu gewähren.


Bereits als Angela gut vier Jahre alt war, begannen wir, zusammen mit ihrer Therapeutin, das Alphabet spielerisch an sie heranzutragen. Angela war zu diesem Zeitpunkt etwas therapiemüde und so suchten wir nach neuem Anreiz. Sie zeigte grosse Freude an den Buchstaben, sodass wir das sanfte Lesen und Schrei­ben zum festen Bestandteil der För­de­rung machten. Das hatte den Vorteil, dass sie beim Eintritt in die erste Klasse be­reits recht gut lesen und schreiben konnte und dadurch mit der Schriftsprache auch mündlich ganz gut vertraut war. Trotz weiterer Operationen, die leider not­wendig wurden, konnte sie sich diesen Vorsprung bis heute erhalten.

Nach zwei Jahren Einführungsklasse wech­sel­te Angela in die 2. Regelklasse. Sie war sich nach all den Jahren nun gewohnt, konzentriert und ausdauernd zu arbeiten. Entsprechend fiel der Ein­stieg leicht. Die Lehrperson war überrascht, wie unauffällig sich Angela in die Klasse integrierte und war dadurch topmotiviert, mit ihr zu arbeiten.

Heute besucht Angela die 5. Regelklasse. Sie ist bist heute Trägerin eines Cochlea- Implantates, da sich eine bilaterale Im­plan­­tation bei ihr aus verschiedenen Grün­­den zum jetzigen Zeitpunkt nicht eignet. Sie meistert die Regelschul­an­for­derungen noch immer gut, obwohl natürlich immer mehr Arbeit (Vor- und Nachbereitung des Schulstoffes) auf sie zukommt, was natürlich ihre freie Zeit schmälert. Angela, die Lehrpersonen, die Therapeuten und wir Eltern sind glücklich, dass Angela noch immer hier in unserem Quartier die Schule besuchen und so auch vollständig im Familienleben integriert sein kann. Wie lange das noch möglich ist, wissen wir nicht.

Die Puber­tät setzt nun langsam ein. Das Erwach­sen­werden wird für Angela bestimmt durch andere Fragen und Erfahrungen geprägt sein, als dies bei Hörenden der Fall ist. Daher sind wir alle weiterhin äusserst wachsam, wann Angelas Entwick­lung an einer neuen Weggabelung steht. Sie wird in den nächsten Monaten einen Schnuppertag an einer Gehörlosen­schu­le absolvieren, um sich einerseits ein Bild machen zu können, wie das dort so läuft und anderseits ihrem Bewusstsein auch diese Möglichkeit zu eröffnen.

In all den Jahren haben wir mit Angela  im­mer wieder über andere Schulen ges­pro­­chen und ihr so diese Tür in die Ge­hör­­losenwelt immer offen gehalten. Für uns als hörende Eltern ist es natürlich schön und einfacher Angela die Welt der Hören­den nahe zu bringen, doch waren und sind wir auch offen für neue Welten. Im Vordergrund steht dabei immer An­gela mit ihren Bedürfnissen. Je älter An­gela wird, desto häufiger kann sie ihre Bedürf­nisse nun selber formulieren und die ge­meinsamen Zukunftsgespräche sind von unserer Seite vermehrt beratend und nicht mehr so, dass wir für Angela entscheiden.

Wir wünschen Angela gutes Gelingen auf ihrem Weg und vor allem, dass sie mit oder erst recht trotz ihrer Behinderung glücklich wird. Wir werden alles dazu beitragen, diejenigen Dinge zu ändern, die zu ihren Gunsten zu ändern sind.

Familie Ritter