Erfahrungsbericht Gerda Zürrer

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Das Hören mit zwei Cochlea Implantaten ist nicht eine simple Verdoppelung der Höreindrücke, sondern erschliesst eine neue Qualität der akustischen Wahrnehmung.

Persönliche Entwicklung
Meine Hörbiografie umfasst einen langen Zeitraum. Im Kindesalter wurde eine beidseitige hochgradige Schwerhörigkeit diagnostiziert. Effektiv handelte es sich dabei um eine partielle Taubheit, welche anfänglich nur die hohen Frequenzen umfasste. Sie verlief jedoch progressiv und stahl mir jährlich etwa 200 Hertz meines Hörvermögens. Mehrere Versuche mit konventionellen Hörgeräten blieben erfolglos. Im Alter von 40 Jahren war ich vollständig ertaubt. Einzig das CI bot noch die Chance, die Stille durchbrechen zu können.
Schon über 20 Jahre unterhielt ich regen Kontakt zu andern Hörbehinderten. Während dieser Zeit sind einige von ihnen implantiert worden. Es war für mich interessant, die damit verbundenen Veränderungen mitzuerleben und über die verschiedenartigen Erfahrungen zu diskutieren. Auch die ständigen technischen Neuerungen liessen mich immer wieder darüber staunen, was alles möglich wurde.
Bis ich mich selber für die Implantation entscheiden konnte, dauerte es allerdings noch ein paar Jahre. Es war mir sehr wichtig, zuerst meine Taubheit umfassend zu akzeptieren und mein Leben trotzdem positiv zu gestalten. Im Bewusstsein, dass die Stille so oder so ein Teil meiner Persönlichkeit bleiben wird, wollte ich lernen, mit der akustischen Leere umzugehen, bevor via CI eine Veränderung mit ungewissem Ausgang eingeleitet wurde.

Ich darf betonen, dass mich weder mein familiäres noch mein berufliches Umfeld je zur Implantation drängte. Lediglich gewisse KollegInnen, welche selber bereits ein CI trugen, hatten wenig Verständnis für meine Zurückhaltung. Ich spürte jedoch deutlich, dass meine Entscheidung in aller Ruhe reifen musste und wollte mir die nötige Zeit dazu einräumen. Dieser Prozess ermöglichte mir gleichzeitig, keine konkreten Erwartungen an das CI zu knüpfen. Dadurch wuchs in mir die Bereitschaft, das Ergebnis einer Implantation anzunehmen - unabhängig davon, wie es ausfallen wird. Entsprechend gelassen konnte ich schliesslich meinen individuellen CI-Versuch starten.

Erstes CI
Die Operation verlief problemlos. Ich war glücklich darüber, dass keines der   Risiken eingetroffen war.
Speziell freute ich mich über das weiterhin uneingeschränkte Geschmacksempfinden. Es erstaunte mich, dass weder Schmerzen noch Schwindel auftraten. Die erste Stimulation erlebte ich wie das Andocken an eine fremde Welt. Seltsame Geräusche und metallische Klänge drangen in mein Inneres. Die Eindrücke waren absolut neu und wurden von mir in gewisser Weise als irreal empfunden.
Doch schon die Tatsache, dass ich überhaupt etwas hören konnte, beflügelte mich. Bereits während den ersten Wochen und Monaten machte ich - auch dank gezieltem Hörtraining - grosse Fortschritte und konnte Sprache in ruhiger Umgebung bald ohne Lippenlesen verstehen. Welch ungeheure Leistung des Gehirns! Das Wiederentdecken und Enträtseln meiner akustischen Umwelt war eine äusserst spannende Phase. Belastend war einzig ein zeitweise intensiv auftretender Tinnitus, welcher jedoch nach einigen Monaten wieder verschwand. Unvergesslich bleibt mir die Riesenfreude, als ich zum ersten Mal die Stimme meiner eigenen Tochter erkennen konnte.

Generell nützt mir das CI vor allem beim verbalen Austausch. Ich kann viel lockerer Gesprächen folgen und mich entsprechend besser einbringen. Weil ich mich nicht mehr so extrem konzentrieren muss, brauche ich weniger Energie und kann dadurch länger mithalten. Ich bin wieder spontaner und kontaktfreudiger. Dies wirkt sich in allen Lebensbereichen positiv aus. Weiter schätze ich persönlich folgende neue Möglichkeiten: Unbesch-werter Besuch von Fortbildungskursen,   Kundenkontakt im Beruf,  TV- Sendungen ohne Untertitel verstehen, beschränkter Musikgenuss, telefonieren.

Weshalb ein zweites CI?
Ich trage das CI grundsätzlich den ganzen Tag. Dank der zunehmenden Belastungs-fähigkeit des implantierten Ohrs konnten die Prozessorprogramme sukzessiv angepasst werden. Die Höreindrücke wurden dadurch laufend klarer, komplexer und intensiver. Dieses an sich erstrebenswerte Klangvolumen brachte mich nach etwa 2 Jahren an einen Punkt, an welchem ich die absolute Einseitigkeit meines neuen Hörens als störend empfand. Zur Erinnerung: Meine Ohren waren über Jahrzehnte gleichmässig ertaubt. Bevor ich ein CI trug, hatte ich auf beiden Seiten immer das gleiche Hörgefühl - bis hin zur völligen Stille. Nun aber empfand ich meinen Kopf nicht mehr als "rund". Durch die permanente Reizung fühlte sich die implantierte Seite irgendwie schwerer an und stand unter einer gewissen Spannung.
Wenn ich am Abend das Gerät ablegte, blieb im Bereich der Sendespule oft ein diffuses Kribbeln oder Ziehen bis tief ins Ohr hinein zurück, so als ob die Nerven von der Beanspruchung einen leichten "Kater" (analog dem Muskelkater) hätten. Die nicht implantierte Kopfseite hingegen blieb auch im übertragenen Sinne ständig taub, keine Regung - nichts.

Der Verlust meiner gewohnten Körperharmonie brachte mich dazu, die Chancen einer Zweit-Implantation abzuklären: Alles sprach für einen weiteren Eingriff - nicht zuletzt auch die überaus guten Hörerfahrungen von mir bekannten, beidseitig implantierten Erwachsenen.
Erneut verlief die Operation perfekt und blieb ohne unerwünschte Nachwirkungen. Bei der Stimulation war ein deutlicher Unterschied im Vergleich zum ersten Mal feststellbar: Die Eindrücke klangen zwar monoton und keineswegs natürlich, doch konnte ich von Anfang an Sprache von den übrigen Geräuschen unterscheiden und verstand sogar einzelne Worte. In der Folge nahm die Differenzierungsfähigkeit meines "zweiten Ohrs" auch ohne spezifisches Training ständig zu. Mit Tests konnte ferner eine markante Verbesserung des Richtungshörens nachgewiesen werden. Diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen gehe ich davon aus, dass die Deutung der Stimulationssignale beim zweiten Ohr schneller gelingt, weil das Hirn den nötigen Lernprozess bereits bei der ersten Implantation absolviert hat. Im Gegensatz dazu braucht jedoch der Hörnerv seine Zeit, um sich an die neuen Reizungen zu gewöhnen.

Aus meiner Sicht wird durch die beidseitige Verarbeitung der Schalleindrücke eine bedeutsame qualitative Steigerung erreicht: Ich empfinde das Hören mit zwei Cochlea Implantaten eindeutig als klangvoller und natürlicher.
Was mich persönlich stark berührte, war das neue Erleben meiner eigenen Stimme: sie klingt angenehmer denn je -eine wirklich schöne Überraschung! Wie erhofft, habe ich nun wieder ein rundum gutes Kopfgefühl: Keine subjektive Einseitigkeit mehr - stattdessen das angenehme Empfinden, überall gleichmässig aktiv zu sein. Hinzu kommen weitere gewichtige Vorteile: Gespräche mit anderen Menschen sind ein existenzielles Bedürfnis. Täglich profitiere ich nun von der wieder gewonnenen Fähigkeit, nach links und rechts nahezu gleich gut kommunizieren zu können. Es ist mir jetzt zudem möglich, in einer Personengruppe mühelos orten zu können, wer wo spricht.
Beides gibt mir sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich eine bisher vermisste Selbstsicherheit. Auch im Musikbereich führt die binaurale Versorgung zu ungeahnten Erfahrungen. Vor allem im Hochtonbereich kann ich zum ersten Mal in meinem Leben herrliche Instrumentenklänge wahrnehmen - stereo notabene.
Ein letzter positiver Aspekt ist für mich die Minimierung der Abhängigkeit von der Technik: Müssen Batterien gewechselt werden oder versagt ein Gerät ausnahmsweise den Dienst, bleibt immerhin noch das einseitige Hören möglich.

Ich bin meinen beiden Cochlea-Implantaten dankbar für die neue Leichtigkeit des Seins!